Des Eisensau-Treibers virtuelles Universum

 Pässe- und Schotter-Tour im Südlichen Trentino

Westalpen-Überquerung auf Schotter mit URAL-Gespannen

Nach einem dreiviertel Jahr Planung und Vorbereitung ging es Anfang Juli los.

Neun Verwegene (davon 2 Frauen als Sozias) mit vier Motorradgespannen Russischer

Herkunft und einem älteren BMW-GS-Gespann trafen sich südlich von Basel zu dem

Versuch, die in Insiderkreisen berühmt-berüchtigten Schotterpisten der

 Westalpen erstmalig mit derartigen Fahrzeugen zu bezwingen. Da wir

über einen längeren Zeitraum fernab von menschlichen Ansiedlungen unterwegs sein

würden, war eine entsprechend umfangreiche Ausrüstung mitzuführen, die geeignet 

sein sollte, den Gespannbesatzungen ein autarkes Überleben im hochalpinen

Niemandsland zu ermöglichen und das bei jeder(!) Witterung.

Nicht jedem der Teilnehmer war bewußt, welchen Strapazen er in den kommenden

Tagen ausgeliefert werden sollte.

Vorab gesagt: Von den fünf Gespannen bewältigten letztendlich nur zwei 750er

Ural-Gespanne die vorgesehene Strecke. Rest-Bericht siehe weiter unten.

Wie immer kommt es bei solchen Unternehmungen auf eine professionelle Einstellung

und präzise Vorbereitung an. Jeder Fehler und jede Unterlassungssünde kann sich bei

einer solchen Hardcore-Tour als fatal herausstellen.

Da ich ein Ausrüstungs-Fetischist bin, habe ich bei solchen Touren immer dabei:

-Ein sturmsicheres Sommer- und Winterexpeditionszelt mit stabilen Stahl-Nägeln

-Winterschlafsack und super-bequeme Isomatte (erholsam schlafen ist enorm wichtig!)

-ordentliches Hackbeil und Klappsäge

-Navi, Kompaß und ordenliche Karten

-Wasser- und Essensvorräte, Benzinkocher und als Reserve einen esbit-Kocher

-Hitze-, Kälte- und Regenschutzkleidung

-Rest ist Standard

Um die angepeilten Schotterpisten in den Westalpen zu erreichen, sind es von Basel

aus auf Asphalt noch 2 Tagesreisen über eine ganze Reihe von Pässen, die zwischen

 2100m und 2800m hoch sind.

War die erste Übernachtung auf einem Campingplatz neben einem hochgelegenen und

idyllischen Bergsee bei Martigny schon die sanfte Ouvertüre zu unserem alpinen

Abenteuer, so  sollte sich die zweite Übernachtung in einem einsam gelegenen, aber

bewirtschafteten  "Refuge"  auf 2400m nahe des Lac du Mont Cenis als endgültige

Abnabelung von der von uns gewohnten zivilisierten Welt erweisen.  In einer kleinen

rustikalen Schutzhütte mit zehn Schlafplätzen in Form von Stockbetten, eigentlich für

Bergsteiger und -Wanderer gedacht, durften wir unseren müden Häupter niederlegen.

Davor wurde uns von den Französischen Wirtsleuten in der Haupthütte ein feines und

kräfiges 4-Gänge-Menü und ein hervorragender Rotwein kredenzt. Als beim Essen nach

eineinhalb Stunden der Strom-Generator ausgeschaltet wurde,

erzeugten die bereitstehenden Kerzen in dem nur aus Steinbrocken

und Baumstämmen bestehenden Speiseraum eine urzeitliche Atmosphäre.

Da in den Bergen früh aufgestanden wird, verweigerte uns der Wirt relativ früh am Abend

seine restlichen Rotweinvorräte und schickte uns damit indirekt ins Bett.

Der nächte Morgen bescherte uns die ersten wirklichen Probleme. Von der

Schneeschmelze ausgewaschene Pistenabschnitte mußten überwunden werden.

Trotz Warnungen von Einheimischen, daß es hier nicht mehr weitergeht, machten wir uns

auf die Arbeit die Herausforderung anzunehmen. Abgehen der Strecke, Ideal-Linie

festlegen, um uns dann langsam durchzutasten. Trial pur.

An diesem schwierigen Streckenabschnitt von nicht mehr als 150m Länge, kämpften wir

2 Std. lang, bis alle hinübergebracht waren. Aufgrund der Strapazen in den letztenTage

hatten wir jetzt die ersten Ausfälle zu verzeichnen. Technische und Gesundheitliche

Probleme sorgten für den Ausfall von zwei Gespann-Besatzungen für die nächsten

eineinhalb Tage.

Am nächsten Morgen wurde der Punta Sommeiller von uns ins Visier genommen.

Auf 3050m Höhe findet hier jährlich das höchste-gelegene Offroad-Treffen Europas statt.

Nach 2/3 der geschotterten Auffahrt, die für unsere schwer beladenen Gespanne eine

ernthafte Hürde darstellte, mußten wir auf 2150m unsere Bemühungen, den

Gipfel zu erreichen, aufgrund der nicht mehr befahrbaren Piste leider aufgeben.

Vor uns war ein Ketten-Bagger dabei, die  Winterschäden auf dem Weg zum Gipfel

zu beseitigen und die Straße wieder befahrbar zu machen.

Am Nachmittag bescherte uns die Assietta-Kammstraße einen Höhepunkt nach dem

anderen. Mit viel Glück hatten wir einen jener Tage erwischt, an dem diese Traumpiste

nicht gesperrt war. Unvergesslich der Verlauf und die Aussicht auf dieser

spektakulären und nicht einfach zu fahrenden Alpenkammstraße.

Am nächsten Tag waren wir wieder komplett und machten uns daran, die Maira-Vaira-

Kammstraße zu erobern. Diese anspruchsvolle, nicht ungefährliche und schwierig zu

fahrende Kammstraße sollte unsere Truppe endgültig sprengen.

Eine Schotter- und Rüttelpiste der nachhaltigen und denkwürdigen Art. Wild, schön

und fast unbezähmbar will dich diese brutale Strecke all deiner Manneskraft berauben.

Sie belohnt ihren Eroberer dafür mit phantastischen Ausblicken auf ein majestätisches

Alpenpanorama. Es herrschte klares, warmes und sonniges Kaiserwetter, so daß wir bei

immerwährender Schrittgeschwindigkeit deftig ins Schwitzen kamen, für das auch

der uns immer begleitende Abgrund sorgte, der wenige Zentimeter neben unseren

Rädern, ins unendliche Tiefen führte.

Diese extremen Bedingungen führten, gepaart mit technischen Problemen, bei drei der

Gespann-Besatzungen zu dem Entschluß, sich nach dieser Etappe vom Rest der Truppe

zu trennen und um sich auf schonendere Art und Weise einen Weg zum Mittelmeer zu

bahnen. Der Entschluß dieser Leute war mit Sicherheit eine weise und vorausschauende

Entscheidung, die vielleicht sogar das eine oder andere Schlimme verhindert hat. 

Diese Kollegen hatten ihre Grenzen rechtzeitig erkannt und die entsprechenden

Konsequenzen daraus gezogen. Damit kamen sie einer Direktive meinerseits zuvor.

Als Mit-Verantwortlicher dieses Projektes hätte ich Sie spätestens jetzt aufgefordert vom

Rest der geplanten Route abzusehen, aus Rücksicht auf sich und das Ihrer Beifahrer.

Von nun an waren wir mit unseren zwei 750er Ural-Gespannen allein unterwegs.

Noch wußten wir nicht was uns erwarten sollte. Die Befahrung der Maira-Stura-

Kammstraße, die wir als nächstes angingen, konnten wir wegen einem Schneefeld

leider nicht komplett durchziehen. Dafür fanden wir einen interessanten Umweg der

uns reichlich entschädigte. Am Abend dieses Tages erreichten wir den Col-de-Tende

und damit den Beginn der berühmt-berüchtigten Ligurischen Grenzkammstraße (LGKS).

Vor der Bezwingung der LGKS übernachteten wir hoch in den Bergen neben der Ruine

eines alten Grenz-Forts. Als sich zu später Stunde die Wolken verzogen tauchte hinter

dem vom Mondlicht gespenstisch beleuchteten Fort ein Alpenhauptkamm in Form einer

dramatische Kulisse wie in einem überdimensionalem Theater auf.

Am nächsten Morgen wurde es ernst. Die ca. 100km lange LGKS wurde angegangen.

Im Nachhinein muß ich hier konstatieren, daß Schwerstarbeit geleistet wurde.

Von Fahren kann hier nicht mehr die Rede sein.  In Schrittgeschwindigkeit prügelten wir

unsere Ural-Gespanne über die von kindskopfgroßen Felsbrocken übersäte Felspisten.

Scharfkantige Felsstufen mußten mit Vollgas überfahren werden, um aufgrund der

elenden Steigungen nicht vom Gas abzufallen und Gefahr zu laufen, stehen zu bleiben.

Mit vereinten Kräften wurde beim Anfahren jeweils Schiebehilfe beim anderen geleistet,

wo Anfahren z.B. in engsten Kehren vor starken Steigen einfach nicht mehr möglich war.

Beim Bergabfahren war beim Bremsen, vorzugsweise vorn, höchste Vorsicht geboten,

bei Panikbremsungen bestand wegen des Wegrutschens Lebensgefahr. Der auf

Kammstraßen obligatorische Abgrund ist halt immer dein Begleiter, der seltenst

Fehler verzeiht.

Da wo wir seltener Weise ab und zu auf Menschen trafen, wurden wir

freundlichst begrüßt und begeistert über uns und unsere Maschinen ausgefragt.

Es ist ziemlich sicher, daß wir mit unsereren zwei 750er Urals die bisher Ersten und

Einzigen gewesen sein dürften, die ein solches Projekt je unternommen und

durchgezogen haben dürften. An dieser Stelle möchte ich hier meinen tiefsten

Respekt vor meiner Sozia und Lebensgefährtin kundtun, die die komplette (Tor-)tour,

ohne jemals zu klagen, mit durchgezogen hat und anpackte wo anzupacken war.

Den gleichen Respekt zolle ich dem noch "großstadtverwöhnten" Sohn und Sozius

des anderen Ural-Piloten der sich im Laufe der Fahrt zu einem selbstlosen Kämpfer

und zupackenden Kameraden entwickelte.

Vor dem letzten Teil der LGKS übernachten wir weit oben in den Bergen

neben einer ehemaligen und aufgelassenen Bergsteiger-Herberge.

Dort, hoch über den Wolken hatten wir einen herrlichen Blick über die Seealpen und

konnten am Horizont das Mittelmeer erahnen.

Der Zweite Teil der LGKS zeichnete sich durch mehre Tunnel aus, deren Befahrung

dem Trip in eine Totengruft oder dem Ritt in einer Geisterbahn ähnelt.

Der längste von ihnen, 500m lang, emfängt einen mit eiskalten und modrigen Geruch.

Sicht gleich null. Bodenbeschaffenheit unklar. Felsbrocken liegen herum.

Tasten statt Fahren. Wasserpfützen und Schlammkuhlen, Tiefgang unbekannt.

Es graut einem davor, evtl. stehen bleiben zu müssen.

Von der Tunneldecke regnet es, geläutert erreicht man das Ende.

Erleichtert waren wir in einem Fall, nicht gleich durch einen Tunnel gefahren zu sein.

Bei der Vorabbegehung per Pedes stellte sich heraus, daß im weiteren

Verlauf Deckeneinstürze ein Weiterkommen verhindert hätten.  Wir hätten uns

festgefahren. Ein Wenden wäre unmöglich gewesen.

Wir waren letztendlich froh, diesen Tunnel erstmal zu Fuß und per Taschenlampe

erkundet zu haben, was uns das mühevolle Herausmanövrieren der Maschinen erspart

hat. Getreu dem Motto: "erst schauen, nicht prellen"

Am 7.Tag erreichten wir planmäßig das Mittelmeer bei San Remo und erholten uns

dort beim Baden und Mediterraner Küche.

Als Schäden waren lediglich eine abgebrochene und ein paar lockere Speichen zu

verzeichnen.

Wir sind mit dem Gespann-Konzept von Ural zufrieden. Unsere 750er-Ural-Gespanne

haben sich wieder einmal als robuste und zuverlässige Transport- und Expeditions-

Fahrzeuge erwiesen.

Der nächste Schotter-Einsatz ist schon in Planung: Die Balkan-Challenge 2009.

Nur mit Kompaß und Karte jenseits aller befestigten Straßen. Man wird zur gegebenen

Zeit berichten.

29.05.2008 Westalpenprojekt Juli 2008

Ausrüstung

Ergänzungen und Vorschläge Eurerseits bzw. von Seiten der Mitfahrer bitte unter der Rubrik  "Austausch" (siehe auch oben) posten.

1. Da mehrere Pärchen mitfahren, daher Platz und Zuladung auf dem Gespann naturgemäß begrenzt sind, ist genaue Planung und Abwägung, was wichtig ist, in jedem Fall angebracht. Wir, der Verfasser und seine Frau stellen regelmäßig bei und nach jeder längeren Tour fest, das vieles bzw. einiges zuviel mitgenommen wurde.

2. Wir werden uns in der mediterranen sowie in den Hochalpinen Wetterzonen bewegen. D.h. Es muß mit jedem Wetter und mit Minusgraden gerechnet werden. Die mitgenommene Bekleidung sollte dem entsprechen wie z. B. ein wasserdichtes Oberteil und wärmende Unterkleidung.

3. Notproviant und ausreichend Wasser (als Durstlöscher und Flüssigkeitsausgleich oder für Kaffee und Tee) sind zwingend. Benzinkocher und Kochgeschirr ebenso.

4. Ein kleines sturmfestes (ausreichende Verspannung vorsehen) 2-Mann-Zelt mit kleinem Packmaß und geringem Gewicht reicht. Zelt-Bungalows sind fehl am Platz. Schlafsack und Isomatten sollten auch für Temperaturen um die 0 Grad Celsius reichen.

5. Übersichtskarten und Karten des Zielgebietes, Kompaß und Navigationsgerät sind vorhanden.

6. Werkzeug und Ersatzteile: da unterschiedliche Maschinen an dem Projekt teinehmen, kann ich jetzt nur für die 750er Urals sprechen: Standardwerkzeug, 3er-Imbuß griffbereit im Tankfach (Vergaser!), ein Komplettrad als Reserve, ein weiterer Mantel und 1 Ersatz-Schlauch. Dazu Talkum und Gleitmittel, sowie ordentliche Montiereisen, Handpumpe und Wagenheber. Zwei komplette Reservezüge für Gas und Kupplung. Ersatzspeichen, zweiter Zündkerzensatz und diverse benötigte Schmierstoffe. Ersatzbirnen, Sicherungen und sonstiges Kleinmaterial.

7. Da wir überwiegend zelten werden (wild und auf Campingplätzen), greife ich bei einem etwaigen Mangel an Waschgelegenheiten gern auf feuchte Tücher zurück .........und der Tag ist dein Freund.

Organisatorisches

1. Unser Vorhaben wird mehr einer Expedition gleichen als einem geruhsamen Sonntag-Nachmittags-Ausflug. Diverse Sehenswürdigkeiten und zahlreiche Foto-Pausen auf der Strecke werden dafür sorgen, daß sich die Tage in die Länge ziehen. Das zähe Vorwärts-Kommen auf kleinsten Serpentinenstraßen und staubigen Schotterpisten, wechselnde Wetterlagen und andere Unwägbarkeiten bedingen, daß wir uns in aller Früh auf den Weg werden machen müssen. Der Lohn dafür: es gibt selten Erhebenderes als die Morgendämmerung und der Sonnenaufgangin den Hochalpen.

2. Eine psychische Einstimmung und physische Vorbereitung ein bis zwei Wochen vor der Tour wird sich für jeden von uns im Nachhinein als wervoll erweisen. Je besser der Einzelne "beieinander" ist, desto tiefer und intensiver sein Erleben durch die geschärften Sinne. Ich habe schon wesentlich Jüngere bei derartigen Trips, sozusagen auf dem Zahnfleisch daherkommen sehen, weil sie nicht entsprechend vorbereitet waren.